Schreibtechnik

Der Plot, das unbekannte Wesen


Plotter oder Pantser?

Lieber Planen oder Drauflosschreiben?
Oder: Wie man beim Schreiben seinen eigenen Weg findet (am Beispiel von Scapple)

Ich war lange Zeit der Meinung, das Plotten, also das genaue Planen einer Handlung, würde meinen Schreibfluss hemmen, meine Kreativität vernichten und mich in ein Korsett zwingen, das ich nicht gebrauchen kann.
Nichts davon ist richtig. Zum einen ist das sogenannte Korsett nur ein Rahmen, den ich nicht nur selbst gebaut habe, sondern dessen Stabilität ich selbst bestimme. Ich kann also auch jederzeit von diesem Rahmen abweichen, wenn sich die Geschichte im Laufe des Schreibprozesses anders entwickelt.
Zum anderen bedeutet Plotten nicht zwingend, sich vorher mit Zeitstrahl und Excel-Tabellen oder Post-its und Postern an der Wand oder randvollen Notizbüchern abzugeben. Nein, das geht auch ohne all das.
Ich plotte zu 90% in meinem Kopf. Es gibt nur sehr wenig, was ich wirklich schriftlich festhalte. Ich denke einfach über meine Geschichte nach, ausgehend von einer Idee für die Handlung und den Hauptpersonen, Das tue ich immer wieder, beim Einschlafen, beim Hundespaziergang, im Wartezimmer. Es ist wie ein Film, den ich mir immer wieder ansehe, ich lasse immer wieder einzelne Szenen ablaufen, spule vor und zurück.
Das dauert Wochen, Monate, bis zu einem halben Jahr, und läuft anfangs nur so nebenbei mit. Irgendwann kommt der Punkt, wo ich mit Scapple eine Mindmap anlege und die ersten Stichpunkte notiere. Der Film ist zu diesem Zeitpunkt schon im Kopf, aber ich habe noch lange nicht alles davon gesehen. Ich notiere nur ein paar Eckpunkte, die ich mir schon ausgedacht habe, ein paar Namen und Zusammenhänge.
Immer noch denke ich weiter über einzelne Aspekte nach, über neue Personen, über Situationen. Ich beginne zu recherchieren, nachzulesen, was für meine Geschichte wichtig ist. Mit Leuten zu sprechen, die darüber etwas wissen könnten. Manchmal schreibe ich noch etwas in meine Mindmap, aber das sind dann eher Dinge wie ein Familienstammbaum, damit die Zeitschiene am Ende stimmt und nicht eine der Personen mit 14 ihr erstes Kind bekommen hat oder Geschwister auf einmal 30 Jahre Altersunterschied haben. Meine ersten Rechercheergebnisse fließen da ein wie das Organigramm der Polizei in der Vaucluse zum Beispiel oder die Ausbildung zum Commissaire an der Polizeischule.
Der Drang, mit dem Schreiben zu beginnen wird immer stärker, aber ich gebe ihm noch nicht nach. Denn irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo ich schreiben MUSS. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die erste Szene, das erste Kapitel schon fast fertig im Kopf, ohne auch nur ein Wort geschrieben zu haben.
Dann gehe ich an meine Mindmaps, fange nochmal neu an und schreibe zum ersten Mal einen vollständigen Handlungsablauf auf. Ich schreibe Krimi, so ganz unwichtig ist es also nicht, wenn ich mir ein paar Stichpunkte und Wendepunkte notiere.
Aber das ist auch schon alles an Plotten. Wenig steht in meinen Dateien, aber viel ist in meinem Kopf passiert.
Ich fange an zu schreiben. Das erste Kapitel flutscht, das zweite läuft gut, beim dritten fängt es an zu haken. Hier sind die ersten Nebenhandlungen angelegt, die ich vorher nie plane, ein paar Nebendarsteller sind aufgetaucht. Jetzt muss ich nachplotten, ich mache eine neue Mindmap, wo ich die neuen Handlungsstränge einbringe und schaue, wie das alles zusammenpasst. Dann schreibe ich weiter. Rund um die Hälfte des Buches muss ich meist wieder nachplotten, weil die Handlungsstränge inzwischen so verwickelt sind, dass ich selber nicht mehr durchblicke. Dann schreibe ich wieder weiter.
Das Plotten dauert da keine Tage oder Wochen, sondern ist eine Arbeit von vielleicht einer Stunde. Es hilft mir, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Mehr ist es nicht.
Am Ende gibt es dann nochmal einen wichtigen Plotabschnitt, wenn der Kriminalfall aufgelöst wird. Welche Hinweise wurden gegeben, und hat sie der Ermittler überhaupt mitbekommen? Welche sind nötig für die Auflösung, welche nicht? Stimmen die Zeitabläufe? Brauche ich noch einen Red Herring oder eine echte Spur, damit sich der Knoten am Ende elegant lösen lässt?
Erst jetzt kristallisiert sich die eigentliche Auflösung heraus, und die Situation, in der der Bösewicht dingfest gemacht wird. Dazu gibt es nochmal ein eigenes Scapple-Dokument.
Zuletzt schaue ich noch einmal auf meine alte Mindmap (die zweite, die mit den Nebenhandlungen). Habe ich alles zu Ende gebracht? Keine losen Enden vergessen? Hat jedes Ding seinen Platz und jeder Topf seinen Deckel gefunden?
Erst jetzt ist die Geschichte zu Ende.

Ich habe gelernt: Plotten ist nichts Schlimmes. Ich plotte die ganze Zeit im Kopf, mir war nur nicht bewusst, dass auch das eine Form von Plotten ist. Aber seit ich das weiß, mache ich es gezielter, und ich glaube, das ist kein Schaden.

 

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