Schreibtechnik

Berührungsängste

… oder wie gewinne ich Abstand zu meinem Plot

Ein selbst geschriebenes Buch ist ein gar wunderlich Ding. Die ersten Leser finden die Handlung unlogisch, die Charaktere flach, den Plot voller Lücken. Aber selbst kann man das nicht nachvollziehen, die Geschichte ist da, im Kopf, alles ist sonnenklar, man kennt seine Charaktere besser als den eigenen Ehemann, und die anderen sind alle doof.
Doch halt. Wo ist mein Anspruch als Autor? Schreibe ich für mich, um meiner Sucht nach dem Tippen von Buchstaben nachzugeben, oder schreibe ich für andere, für Leser, für Menschen, die mein „Werk“ doch wertschätzen sollen?
Wenn andere nicht nachvollziehen können, was ich schreibe, dann liegt es meist nicht an den anderen, sondern an mir, an meiner Schreibe, an dem, was ich da so in die Tasten gehauen habe mit dem Backgroundwissen, das außer mir doch gar keiner hat. Also ist Nacharbeit angesagt.

Verschwurbelte Sätze müssen geradegezogen, verwaschene Charaktere geklärt, Szenen geschärft und diffuse Formulierungen auf den Punkt gebracht werden. Schwierig, denn man ist als Autor so nahe an der Geschichte wie sonst keiner. Alles fühlt sich richtig an, und trotzdem soll man es ändern? Geht gar nicht. Muss aber. Aber wie?
Die Zeit heilt viele Wunden und ist auch hier hilfreich. Ein Manuskript muss abliegen, abhängen wie ein gutes Stück Fleisch und reifen, und das braucht Zeit. Auch wenn es unter den Nägeln brennt, das Baby endlich zur Welt zu bringen, zu sehen, wie es in seinem Cover-Kleidchen aussieht, es zum ersten Mal zu berühren und eine Seite aufzuschlagen – Geduld ist hier der bessere Ratgeber. Lieber etwas Neues beginnen oder mal gar nichts tun, und erst nach ein oder zwei Monaten, besser drei oder sechs, wenn man es sich leisten kann, vorsichtig den Deckel lüpfen und nachsehen, was sich da getan hat zwischen den Seiten und den Zeilen.

Mit etwas Glück hat man dann den notwendigen Abstand und kann oft nur noch den Kopf schütteln über das, was man vor einem halben Jahr geschrieben hat. Da passt doch nichts zusammen, die Charaktere schwach und unreif, die Reaktionen übertrieben und der Plot voller unlogischer Lücken. Wenn man so weit ist und erkennt, dass die Verständnisprobleme der ersten Testleser mitnichten deren eigener Blödheit geschuldet waren, dann, und nur dann, ist man bereit für die Überarbeitung.

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